Duisburg, mein Spielplatz

by Ulf Lippitz, October 2010 (Germany)


PETER LINDBERGH, DER STARFOTOGRAF: HIER BESCHREIBT ER SEINE JUGEND ZWISCHEN KUPFERSTAUB UND BIERDECKELN. EINE LIEBESERKLÄRUNG AN DIE STADT, DIE ER NIE FOTOGRAFIERTE. Duisburg war in den 40er und 50er Jahren für mich eine abgeschlossene Welt. Ich konnte nicht weiter gucken als bis zu den Hochöfen auf der einen Seite und dem Rhein auf der anderen. Bis ich 16 war, fuhr ich kaum woanders hin, höchstens nach Trier zu meiner Grossmutter. Das war für mich etwa so, als würde man heute nach Tokio oder Los Angeles reisen. Unser Stadtteil war Rheinhausen, links des Rheins, wir wohnten in der Jahnstrasse 25. Das war eine richtige Spielstrasse, höchstens 500 Meter lang, ruhig und grün, für damalige Verhältnisse fast luxuriös. Wir haben mit den Nachbarkindern immer "Steiger fangen" gespielt. Das ging so: Alle verstecken sich, einer zählt bis 100, fängt an, die anderen zu suchen und wenn er jemanden gefunden hat, muss er ihn am Baum abschlagen. Dafür hatten wir einen besonderen Baum, er stand mitten auf der Strasse, die Autos mussten rechts und links an ihm vorbeifahren. Wir versteckten uns oft in den Gärten hinter den Häusern. Das gab Dramen mit den Nachbarn, Riesenkräche wegen plattgetretener Blumen. Wir lebten in einem Reihenhaus, hatten 80 Quadratmeter, verteilt über drei Etagen. Ich hatte unter dem Dach ein kleines separates Eckchen mit einer Tür, zwei Betten standen darin, da habe ich mit meinem drei Jahre älteren Bruder gewohnt. Es gab ein kleines Fenster, jeden Morgen konnte man von der Bank eine Schicht rot-schwarzen Staub wischen. Der kam von den Loren, die knapp 500 Meter entfernt hinter dem Haus entlangfuhren. Sie brachten den Kupferabfall aus der Krupp-Hütte. In grossen Baggerlöchern wurde der heisse, glühende Kupfer entsorgt. Hinter den Gruben kam sofort der Damm, dahinter lag der Rhein. Die Schule war zehn Minuten zu Fuss entfernt, ab 1950 ging ich dorthin, zum Fussballplatz brauchte man 20 Minuten und zu den Rheinwiesen zehn. Das war meine Welt. Aber auf einem meiner Erkundungsgänge durch diese Welt habe ich einen der grössten Glücksfälle meiner Kindheit erlebt: Mit acht Jahren entdeckte ich in den Trümmern eines Hauses eine leicht verschimmelte Bierdeckelsammlung. Die habe ich sofort mitgenommen, meine Mutter war alles andere als erfreut. Sie sagte, da sind bestimmt Wanzen drin, die musst du erst mal absprühen. Hat mich nicht abgehalten. Dann beschloss ich selber welche zu sammeln, wahrscheinlich kamen aber nur noch fünf dazu. Und bei einem Umzug Jahre später habe ich die Sammlung schliesslich weggeschmissen. Auf der anderen Seite der Verbindungsstrasse stand die Trinkhalle. Da gab es für uns Kinder Mohrenköpfe, manchmal kaufte ich einen Sechser-Pack. Obwohl es bei uns zu Hause immer Süssigkeiten gab. Mein Vater war Vertreter für Leckerland, morgens schmierte meine Mutter Brötchen mit Butter, steckte Schokoladen zwischen die Hälften und klappte sie zu. Auf dem Pausenhof scharten sich meine Klassenkameraden um mich, und wollten ganz scheinheilig wissen, was ich am Nachmittag so mache. Gegen Gefallen hab’ ich denen dann etwas von den Brötchen abgegeben. Wenn einer meine Tasche von der Schule nach Hause getragen hat, gab es zum Beispiel eine Hälfte. In den ersten Jahren wurde ich für meine guten Zähne vor der Klasse vorgeführt. Guck mal hier, der Peter, der hat Zähne wie ein Pferd, haben die Lehrer gesagt. Das fand ich so cool, dass ich mir die Zähne danach sehr unregelmässig geputzt habe. Zwei Jahre später wurde ich nicht mehr nach vorne gebeten, ich hatte dann schon vier Plomben. Als ich in die sechste Klasse kam, sollte ich auf das Gymnasium gehen. Meine Eltern hatten dafür extra Geld zurückgelegt. Ich war aber entsetzt, dass ich nicht mehr mit meinen Kumpels von der alten Schule zusammensein konnte, sodass ich über Monate streikte – einfach nicht lernte und keine Hausaufgaben machte. Das rechne ich mir heute noch hoch an. Letztlich haben die Lehrer meine Eltern angerufen und gesagt: Es tut uns leid, nehmen Sie den Jungen zurück, das hat keinen Zweck. Vielleicht um diese Zeit entstand ein Foto, das mich auf einer Vespa mit einem grossen Stoffbären zeigt. In den 50er Jahren zogen Fotografen von Schulhof zu Schulhof, setzten Kinder auf die Motorroller und machten Fotos. Später gingen sie zu den Eltern nach Hause und versuchten, ihnen die Bilder zu verkaufen. Meine haben das gekauft, es hing lange in der Küche, mit einer Heftzwecke an der Wand befestigt. Fotos waren für uns damals wichtig. Wir hatten kaum Bücher zu Hause, da sahen wir uns eben Fotoalben an. Die wurden jedes Mal, wenn sich die Familie traf, aus den Schränken geholt. Meist trafen wir uns sonntags, mein Vater hatte sieben Schwestern, die kamen mit ihren Männern und Kindern. Und wie zum ersten Mal sahen sich alle die Alben an – solche Plastikbände mit Plastikblumen auf dem Einband. Ach, guck mal, sagten die Mütter, wenn sie die transparenten Seiten mit der Spinnwebenprägung aufschlugen. Dazu gab es immer Kaffee und Kuchen. Wir stellten alle Tische und Stühle aus dem ganzen Haus zusammen, wir sassen alle wie hineingequetscht in dem kleinen Wohnzimmer. Mein Lieblingsonkel züchtete in den 50er Jahren Schafe, er hatte eine Herde von 3000 Tieren. Manchmal bin ich mit ihm mitgelaufen, er hatte die Rheinwiesen gepachtet von Homberg bis in den Süden von Rheinhausen, das waren zehn Kilometer Rheinwiese. Wenn wir am Rhein entlanggingen, sahen wir die grossen Lastschiffe, die auf dem Fluss vorbeifuhren. Das besass eine gewisse Industrieromantik, die mir bis heute gefällt. Bei schönem Wetter bin ich manchmal sogar in den Fluss gesprungen, ich musste wegen der starken Strömung aufpassen, dass ich nicht unterging. In den 50er Jahren fing aber auch die grosse Spiesserei an. Einige Nachbarn klinkerten sich die Häuser ein, damit sie ein bisschen reicher aussahen. Andere leisteten sich ein größeres Auto, kauften ihren Frauen plötzlich fürchterliche Pelzmäntel, fürchterliche Hüte und fürchterliche Handtaschen aus Krokoleder. Die fanden sich darin wahnsinnig schön. Viele Frauen waren auch dick, das gehörte zu der Zeit des Wirtschaftswunders dazu, darüber wurde gar nicht nachgedacht. Kein Gedanke an den Body-Mass-Index wie heute. Mit 17Jahren zum Sport zu gehen, um besser auszusehen? Daran wurde kein Gedanke verschwendet. Mein Vater besass als Vertreter einen Opel, der galt damals als mittelgrosses Auto. Das war unser Familienluxus. Ende der 50er Jahre sind wir im Sommer damit nach Holland gefahren, nach Zandvoort an Zee. Das war ein Traum für mich! Strandkörbe konnten wir uns nicht leisten, wir bauten einen Windschutz aus Stoff auf, den wir mit Heringen im Sand befestigten. Und wir haben aus dem Auto die Vordersitze ausgebaut, auf denen sassen Mama und Papa im Sand, während mein Bruder und ich Fussball spielten. Und erst die Pommes! Die gab es damals nur in Holland, das war etwas Besonderes. Ich weiss noch bis heute, wie entäuscht ich war, als ich merkte, dass Pommes Frites aus Kartoffeln bestanden. Da stand ich an einer Bude, biss ein Stück ab, man schmeckte noch die rohe Kartoffel und ich sagte: Mensch, das hätte ich nicht gedacht. Die Volksschule beendete ich mit 14 Jahren, 1958, und begann eine Lehre als Schaufensterdekorateur bei Karstadt. Warum? Das war das Irrste und Künstlerischste, was ich mir vorstellen konnte. Der Dekorateur galt als schicker Beruf. Das waren die feschen Burschen in der Stadt. Sie trugen Röhrenhosen, mit Kitteln darüber. Wenn ich die durch Duisburg latschen sah, machte das grossen Eindruck auf mich. Das wollte ich werden, so ein schicker Bursche, natürlich gegen den Willen meiner Mutter. In den grossen Schaufenstern herumzuturnen, das war gewaltig. Wir stellten Möbel, Geschirr oder Kleidung auf, die Menschen standen draussen und sahen uns andächtig zu. Wenn man eine Haushaltswaren-Dekoration machte, die Kaffeetassen stapelte, dann der Ärmel abrutschte, oh, das war gefährlich. Einmal ist mir das passiert, und alles ging zu Bruch. Ganz oben in der Hierarchie standen bei Karstadt die Dekorateure für Damenkonfektion. Das haben nur Männer gemacht, Frauen gab es bei uns gar nicht, vielleicht auch, weil der Chef keine wollte. In der Damenkonfektion, das waren die heißen Burschen, die wirklich Kreativen. Es gab damals eine Regel: Man durfte nicht Blau und Grün zusammenstellen. Das hat mich so geärgert, dass ich das erst recht getan und mich durchgesetzt habe. Das war meine grosse avantgardistische Errungenschaft. Bei der Herrenkonfektion hingegen ging es um praktische Dinge: Ich musste Seidenpapier falten und in die Hosen reinschieben, damit die schön ausstaffiert waren. Nach drei Jahren war die Lehre vorbei. Mein Vater riet mir, bei Karstadt zu bleiben, wenn sie mich übernehmen wollten. Wechsel bloss nicht, sagte er. Ich war ein guter Lehrling, hätte auch bleiben können, bekam aber ein besseres Angebot. Der Geschäftsführer vom Horten-Kaufhaus wusste, dass ich nebenbei Handball spielte. Er bot mir eine Stelle mit den Worten an: "Wenn du zu mir kommst, kannst du jeden Tag um 16 Uhr gehen und hast genug Zeit zum Training." Das konnte ich nicht abschlagen. Ich spielte in der Oberliga beim TuS Rheinhausen, jedes Wochenende stand ich im Tor, damals spielte man Handball noch unter freiem Himmel. Ich war erst 17, ein Jahr zu jung für die Oberliga, hatte aber gute Reflexe, deshalb erhielt ich eine Sondergenehmigung. Die "WAZ" druckte einmal ein Foto von uns, da hatte ich bereits einen Schnurrbart und einen blauen Pullover mit der 1 darauf. Mein Trainer war Gerd Nellen, er war auch Nationaltorhüter und wurde sieben Mal Weltmeister. Wenn es die Zeit erlaubte, spielte ich noch in einer Dixieland-Gruppe, die hiess "New Orleans Dreamers". Das war Musik, die ich eigentlich nicht mochte, Free Jazz gefiel mir mehr. Aber der Trommler aus der Truppe musste zum Militär, da haben sie mich gefragt. Zwei Jahre spielte ich in der Band, geprobt wurde im Duisburger Sarglager. Manchmal waren die Bestatter noch nicht fertig, dann halfen wir ihnen, die Toten in den Sarg zu legen. Ja, unsere Jugend in Duisburg war unkultiviert. Mich interessierte Sport, Partys gab es nicht, höchstens eine Kirmes. Ein Mädchen traf man vielleicht an der Eisdiele oder man ging mit ihr eine Currywurst essen – und dann auf die Rheinwiesen, wegen der Romantik. Aber eines wusste ich: Zur Bundeswehr wollte ich nicht. Als ich die Einberufung erhielt, schaltete ich sofort eine Anzeige in einer Schweizer Zeitung: "Dekorateur sucht Job in der Schweiz." Eine einzige Antwort erhielt ich – und die war recht unverbindlich. Mit dem Brief bin ich zum Kreiswehrersatzamt nach Kleve gefahren, 60 Kilometer mit dem Auto über die verschneite Landstrasse, im Februar 1962. Im Amt sass ich einem pensionierten Soldaten gegenüber. Ich zeigte ihm den Brief vom Modehaus Weingarten in Luzern. Und er antwortete: "Wat Jung, Luzern? Da war ich doch letztes Jahr mit meiner Frau in Urlaub. Dat is ja ein schöner Fleck." Er redete und redete, hörte gar nicht mehr auf, bis er auf die Uhr guckte: "Mensch, ist schon zehn nach12, meine Frau wartet mit dem Essen." Damit war meine Einberufung vom Tisch – und ich ging in die Schweiz. Neun Monate blieb ich in Luzern, dann ging ich nach West-Berlin, zwei Jahre fuhr ich per Anhalter durch Europa und Marokko – bis ich Ende der 60er Jahre zurück ins Ruhrgebiet kam, nach Krefeld, und Malerei studierte. Überall baute man mit einem Mal Fussgängerzonen mit Waschbeton-Blumenkübeln, auch in Duisburg. Da musste man Zickzack laufen. Erst mit 27 Jahren hielt ich zum ersten Mal einen Fotoapparat in der Hand, als ich Assistent von Hans Lux in Düsseldorf wurde. Mir wäre damals nie die Idee gekommen, Duisburg zu fotografieren – heute tut mir das leid.